Protokoll des Workshops in Kortrijk, Belgien
Protokoll des Workshops in Kortrijk, Belgien
La Fiambrera Obrera wurden von den Veranstaltern des Festivals „Happy New Ears“ in Kortrijk eingeladen, einen Workshop im Rahmen des Festivals zu veranstalten und dabei mit einer Schulklasse der Freinet-Schule „Levensboom“ ein „Bordergame Kortrijk“ zu entwickeln. „Happy New Ears“, eigentlich ein Festival für Neue Musik, hatte eine Unterkategorie „Sonokids“, unter der verschiedene Workshops und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche im Bereich der digitalen Kunst und Musik angeboten wurden.
Aus Madrid kamen Miryam und Abdellah, aus Girona Jordi und aus Berlin Jutta. Im Voraus hatten wir relativ wenig Informationen, was genau die Kinder in dem Workshop entwickeln wollten, ob es bestimmte Themen oder Problematiken gab, auf die sich schon im Voraus verständigt wurde.
Die Kinder sind die 19 Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse der Freinet-Schule und damit die ältesten an der Schule. Die meisten sind 12 Jahre alt und damit noch recht jung für das Bordergames-Projekt. Die Schulklasse wurde von den Veranstaltern für den Workshop ausgewählt. Den ersten Projekttag verbringen wir mit den Schülern in der Schule, der Computerraum steht uns noch nicht zur Verfügung. Im Gespräch mit dem Klassenlehrer und den Schülern stellen wir fest, dass sie keine genauere Vorstellung haben, was sie in unserem Workshop erwartet, außer dass sie ihr eigenes Computerspiel entwickeln werden. Der Begriff „Computerspiel“ weckt die gängigen Assoziationen. Computerspiele sind Spiele, in denen „Action“ herrscht, geschossen wird und es außerdem beeindruckende Grafiken gibt. Ein Junge, der „Pacman“ als Beispiel für ein Computerspiel nennt, wird von der Klasse ausgelacht.
Wir berichten von unseren Erfahrungen in vorherigen Bordergames, in denen die eigene alltägliche Umgebung zur Kulisse eines Computerspiels wurde. Die Kinder wünschen sich, die Kulisse von Kortrijk zumindest so zu verändern, dass sie für ein Abenteuerspiel zu gebrauchen ist. Sie verstehen, was wir bei den vorherigen Bordergames gemacht haben, können selbst aber mit der Migrationsthematik wenig anfangen. Die Kinder der Klasse haben offenkundig keinen Migrationshintergrund. Die Wahrnehmung von Migranten scheint in ihrem Alltag keine Rolle zu spielen. Auch der Lehrer ist der Auffassung, dass Migration in Kortrijk kein wichtiges Thema ist. Schnell ist also klar, dass es kein „Border“game im Sinne der ersten Spielversionen wird.
Das Spiel wird aber in einem weitgehend selbstbestimmten Prozess entwickelt, in dem es keine vorgefertigten Themen gibt. Das Spiel wird höchstens durch unsere technischen Möglichkeiten und die kurze Zeit des Workshops eingeschränkt. In der Zeit wird es nicht möglich sein, Wissen über den Editor zu vermitteln, das die Kinder selbst weitergeben könnten. Das technische Know-How wird sich auf erste Schritte in Photoshop beschränken.
Durch die an der Schule übliche Unterrichtspraxis sind die Kinder an eine selbständige Arbeitsweise und an Diskussionen in der Gruppe gewöhnt, was für den Workshop sehr positiv ist. Der Lehrer tritt hauptsächlich als Übersetzer zwischen uns und den Kindern in Erscheinung. Zwar verstehen die meisten Kinder Englisch, können sich aber selbst schlecht in Englisch ausdrücken.
Am ersten Tag lassen wir ein Brainstorming zu Spielthematiken machen und später drei der Ideen in Kleingruppen weiterentwickeln. Durch das Erfinden konkreter Geschichten können sich die Kinder schon eher eine Vorstellung von ihrem Spiel machen, ohne eine der vorherigen Bordergames-Versionen gesehen zu haben.
Im Computerraum stellt sich heraus, dass die Kinder sehr unterschiedlich mit dem Gerät vertraut sind. Einige haben noch Schwierigkeiten mit der Handhabung der Maus (Touchpad). Die meisten zeigen sich engagiert dabei, Fotos von Plätzen in der Stadt, Details, Häusern und sich selbst zu machen.
Aufgrund der Kürze der Zeit lassen wir die Geschichte nicht bis ins letzte Detail von den Kindern entwickeln, sondern schreiben selbst eine Synthese aus den drei am ersten Tag entwickelten Geschichten und setzen diese als Storyboard um, das wir dann wiederum den Kindern vorstellen. Von den Kindern geschriebene Fragen und Antworten werden in die Geschichte einbezogen, allerdings um falsche Antwortmöglichkeiten erweitert.
Die Geschichte des Bordergames spielt in Kortrijk. In der Fantasie der Kinder haben die Monster in der Stadt die Macht übernommen. Die Menschen müssen zum einen an das Essen kommen, das die Monster in Höhlen versteckt haben und zum anderen den Schlüssel der Stadt durch das Beantworten philosophischer Fragen zurückholen und sich so ihre Stadt wieder aneignen. Held oder Heldin der Geschichte tritt so im Auftrag der Gemeinschaft auf. Die Monster werden zwar als machtvoll und gefährlich eingestuft, können aber durch kreatives Denken und nicht etwa durch Gewalt überwunden werden. Der letzte Schritt des Spiels besteht darin, nicht nur an das eigene Wohl/ das Wohl der eigenen Gemeinschaft zu denken, sondern auch mit ärmeren Menschen zu teilen. Die Kinder geben ihren Schatz her (in Form von Fußbällen zwar kein monetär großer Wert, für die Fußballbegeisterten unter ihnen aber durchaus ein Reichtum).
In einer Reflektion ihres Arbeitsprozesses sehen die Kinder die Bildbearbeitung in Photoshop für Szenerie und Spielfiguren als ihre wichtigste Aufgabe an. In gegenseitigen Interviews sagen auch die meisten, dass ihnen die Arbeit mit Photoshop am meisten Spaß gemacht habe. Tatsächlich haben wir auf diesen Bereich einen Schwerpunkt gesetzt, da so am schnellsten sichtbare Ergebnisse vorhanden waren. Am Ende des Workshops waren die meisten Kinder in der Lage, Fotos farblich zu verändern und Teile verschiedener Fotos zu montieren. Auf diese Weise hatten sie Spielkulissen und Spielfiguren bearbeitet und konnten das Spiel tatsächlich als etwas von ihnen selbst gemacht ansehen.
Bei der Auswahl der Hauptfigur musste die Gruppe für sich den Konflikt lösen, dass jeder von den Kindern die Person sein wollte, die Kortrijk rettet. Als Konsenslösung boten sie daher ihren Lehrer an, der die Rolle aber ablehnte. Schließlich entschied das Los. Die anderen tauchen jedoch als weitere Figuren auch in dem Spiel auf.
Bei der Abschlusspräsentation bei „Sonokids“ präsentierten wir nur den allgemeinen Teil des „Bordergames“ Projektes, das Projekt in Kortrijk wurde von den Kindern selbst dargestellt. Die Kinder sprachen vor dem Publikum und spielten eine Situation aus dem Spiel nach. Außerdem zeigten wir ein Video des Entstehungsprozesses, bei dem sich die Kinder gegenseitig interviewen.
Stärken des Workshops:
1. Eine sehr motivierte Gruppe, die daran gewöhnt ist, selbständig zu arbeiten, und eigene Ideen zu entwickeln.
2. Unterstützung und Interesse der Festivalveranstalter, der Freinet-Schule, besonders den Klassenlehrer und einige der Eltern
Probleme bei der Durchführung des Workshops in Kortrijk:
- Sprachliche Schwierigkeiten. Da nicht alle Kinder Englisch konnten, konnten wir nicht alle Fragen direkt und ohne Übersetzung beantworten, was vor allem bei der individuellen Arbeit am Computer schwierig war.
- sehr eingeschränkter Zeitraum. Der Zeitraum von fünf Tagen erlaubte es nicht, dass alle Arbeitsschritte von den Kindern selbst durchgeführt wurden und auch nicht dazu, die Geschichte mit allen Dialogen komplett von den Kindern entwickeln zu lassen.
- Technische Ausstattung: Die technische Ausstattung war mit 9 Computern im Prinzip gut. Allerdings fehlten am ersten Tag Zugangspasswörter, um auf allen Computern die notwendigen Programme zu installieren.
Genauer zeitlicher Ablauf:
Montag, 25.9.
Vormittag: Projektvorstellung in der 6. Klasse der Freinet-Schule, Besprechung des Zeitplans mit dem Klassenlehrer. Vorstellungsrunde von uns/Kindern. Welche Computerspiele kennen sie? Was wünschen sie sich von einem Computerspiel? Was soll das Thema ihres Spiels sein? (Diskussion in der ganzen Gruppe)
Nachmittag: 3 Arbeitsgruppen, die jeweils eine Geschichte zu einem der am Vormittag vorgeschlagenen Themen entwickeln (Kortrijk als Insel, Tiere, Sport). Anschließend gegenseitige Vorstellung der Geschichten in der ganzen Gruppe.
Dienstag, 26.9.
Vormittag: Treffen im Computerraum im Stadtzentrum. Vorstellung der bisher realisierten Bordergames mit Computer und Beamer. Anschließend machen die Kinder Fotos von zwei Plätzen in der Umgebung. Erste Einführung in Photoshop: Kinder wählen in 2er Gruppen jeweils ein Foto aus und schreiben ihren Namen ins Foto.
Nachmittag: Kinder müssen wegen einer Inspektion in der Schule sein
Mittwoch, 27.9.
Vormittag: Arbeit im Computerraum, weitere Schritte in Photoshop. Auswahl von Flächen und Farbveränderung. Wir stellen die Synthese der 3 Geschichten vor. Die Kinder interviewen sich gegenseitig vor der Videokamera. Eine Gruppe beschreibt das zu entwickelnde Computerspiel eine zweite beschreibt die bisherigen Erfahrungen.
Nachmittag: Die Kinder haben frei.
Donnerstag, 28.9.
Vormittag: Vorstellung des genauen Storyboards in Bildern. Gemeinsame Auswahl der Charaktere, bei der jedes Kind im Spiel auftaucht. Arbeit in Photoshop: Bearbeitung der Spielhintergründe.
Nachmittag: Arbeit in Photoshop: Kreation der Spielfiguren als zweidimensionale Bilder.
Übersetzung der Dialoge ins Flämische durch einen Vater. Übersetzung der Videointerviews ins Englische durch den Lehrer.
Freitag, 29.9.
Vormittag: Planung und Probe der Präsentation für Sonntag.
Sonntag, 1.10.
Präsentation des Bordergames Kortrijk bei „Sonokids“




